"Und der Wind rief seinen Namen"
 

Das sollte es nun also gewesen sein. Ein letztes Mal musste er antreten. Im Lauf der Zeit war es für ihn immer mehr zur Qual geworden, nun aber genoss er es in vollen Zügen. Ein letztes Mal umschwirrte ein betörender Duft von Abgasen und verbranntem Gummi seine markante Nase. Doch diesmal roch alles anders; es lag ein ganz besonderes Parfüm in der Luft. Wie der Geruch einer sterbenden Kerzenflamme, der einen an das letzte Weihnachtsfest im Kreis der Familie erinnert. Benommen vom Benzindunst taumelte er durch die Boxengasse. Halb euphorisch gestimmt, halb melancholisch in Erinnerungen schwelgend.

Ein letztes Mal drang nun der wohlbekannte Motorenlärm an sein Ohr. Die Triebwerke wurden zum Zwecke des Vorwärmens auf Drehzahl gebracht. Die Vibrationen gingen ihm durch Mark und Bein und verursachten eine Gänsehaut. Doch auch die Geräusche waren jetzt andere. Was er bislang immer nur als penetrantes Getöse wahrnahm, klang heute wie eine kraftvolle Sinfonie; ein letztes Aufbäumen als großes Finale. Lautsprecherdurchsagen hallten dumpf und verworren aus der Ferne zu ihm hinüber. Und der Wind schien seinen Namen zu rufen.

Mit ehrfürchtig gesenktem Haupt stand er nun vor seinem Rennwagen. Das sonst so grelle gelb war jetzt nur noch ein blasser Pastellton, surreal, wie mit Wasserfarbe auf den Asphalt gemalt. Er befühlte das kalte Chassis, das sich bald stark erhitzen würde. Die Crewmitglieder klopften ihm auf die Schulter, er aber war zu entrückt um es zu spüren. Er strich sich durchs Haar, setzte sich dann die Sturmhaube und den Helm auf. Im Visier spiegelten sich seine Augen. Augen, die schon viel gesehen hatten. Und vor seinem inneren Auge lief der Film noch einmal ab. Die Reflexion einer langen Reise.

Er bestieg bedächtig sein Cockpit. Der Sitz schmiegte sich eng an ihn, so als wolle er ihn nie wieder loslassen. Und seine Hände wurden eins mit dem Lenkrad. Nun überkam ihn ein leicht klaustrophobisches Gefühl. Die Innenverkleidung schien sich zu bewegen, das Fahrzeug schien zu atmen. Er und sein Auto verschmolzen zu einer Einheit. Der Wagen rollte los, alles geschah wie von selbst. Er fuhr behutsam auf seinen Startplatz im hinteren Mittelfeld. Damals, als man noch auf Slicks fuhr, wäre diese Startposition für ihn undenkbar gewesen. Mittlerweile musste er sich in Bescheidenheit üben, was für einen stolzen Mann wie ihn jedoch beinahe unerträglich war.

Die Einführungsrunde absolvierte er wie in Trance. Die Strecke kannte er wie seine Westentasche. Er ließ sich einfach vom Wind treiben. Die verschwommenen grünen Streifen am Streckenrand waren sicher Wiesen. In diesem Moment fragte er sich, wie denn eine Wiese aussehen mag, wenn man nicht daran vorbei rast. Dann würde man wahrscheinlich einzelne Halme und schüchterne Blüten sehen können. Ein Anblick, den er so nicht kannte. Aber das würde er bald nachholen; nur noch dieses eine Rennen lag zwischen ihm und der Welt da draußen.

Als alle Lichter rot wurden, war er schlagartig voll konzentriert. Er sah nur noch die Startampel vor sich. Das alte Feeling war wieder da. Die Droge Adrenalin ließ ihn blitzschnell reagieren als die Lichter erloschen. Für 15 Runden war er nun wieder mit all seinem Herzblut bei der Sache. Doch dann holte ihn die Realität in Form eines Krampfes im Gasfuß wieder ein. Er rutschte geradeaus ins Kiesbett und musste sich schleunigst neue Reifen holen. Und wenig später versagte ihm das Auto gänzlich den Dienst. Das war also das unrühmliche Ende seiner Karriere.

Aber es hätte auch schlimmer kommen können. Er konnte sich noch gut an den Tag erinnern, als sein Teamkollege in Imola starb. Ihm selbst war es wenigstens gestattet, seine Laufbahn nach eigenem Wunsch zu beenden. So konnte er diesen letzten Tag bewusst erleben. Seine Lippen waren trocken; das abrupte Ende seines letzten Grandprix hatte einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Es war für ihn ein Tag ohne Substanz gewesen. Ein Tag der Gefahr lief, zu rasch in Vergessenheit zu geraten.

Als er ging, brachen hinter ihm alle Brücken zusammen. Bisher hatten sich all seine Wünsche erfüllt, doch jetzt hatte er nur noch einen unerfüllbaren Wunsch. Er wünschte, er könnte noch einmal von vorn beginnen. Doch ihm fehlte die Kraft dazu. Sein Leben war wie Sand durch seine Hände geglitten. Er fühlte sich so unendlich einsam. Er hörte den Widerhall seiner Schritte und sah seinen Schatten unter sich verschwimmen.

Und als die Sonne hinterm Horizont verschwand, ging eine Ära zu Ende.

Diese Kolumne schrieb "der Prophet", stammt aus der Serie
 



 


und wurde aus der Seite http://www.f1-fun.de  entnommen.

Natürlich mir freundlicher Genemigung!